DeutschlandPfeil nach unten

/ Klassentreffen
 

Klassentreffen der Welt: Frankreich

Es kann von mittags bis Mitternacht dauern, wenn in Frankreich Banknachbarn von früher, an einer langen Tafel wiedervereint, ihre "retrouvailles de classe" feiern. Ein französisches Klassentreffen hat viel von einer Familienfeier. Man nimmt sich Zeit, unterhält sich und lässt sich unterhalten. Bei gutem Essen und gutem Wein.

Im Elsass kann man darauf wetten, dass Choucroute, ein deftiger Kohleintopf, aufgetischt wird, in Toulouse im Südwesten wird es bestimmt Cassoulet mit Bohnen und Entenfleisch geben. Jede Region des Landes hat ihre Spezialitäten. Und ein französisches Klassentreffen ist nicht nur eine Rückkehr in die Heimat, sondern auch eine an die heimatlichen Kochtöpfe. Ob selbst zubereitet oder vom Caterer geliefert: nach Zuhause muss es schmecken. "Wir bringen unseren alten Freunden immer etwas Besonderes zu verkosten mit", sagt etwa Jean-Pierre Lenoir vom Lycee de Corbeil, "Wir mögen es vor allem gesellig." Die Feier selbst findet oft in einer "salle des fêtes" statt. Diese Gemeindesäle gibt es auch in kleineren Ortschaften, sie sind günstig zu mieten. Der offizielle Touch passt zum Ereignis - das für die meisten Franzosen einmalig im Leben ist.

Ihr erstes Klassentreffen erleben Bretonen, Elsässer und Aquitanier nämlich häufig erst im Rentenalter. Den Rückblick auf die eigene Jugend leistet man sich, wenn die eigenen Kinder aus dem Haus sind. Dabei existiert eine lange Tradition der Alumni-Vereinigungen. Tausende waren nach der Trennung von Staat um Kirche im Jahr 1905 an vielen vormals konfessionellen Schulen entstanden und werden bis heute von diesen gefördert. Außerdem wird der Ritus des Absolvententreffens an den berühmtesten Instituten des Landes, den "grandes écoles", gepflegt. Doch erst mit zunehmender beruflicher und sozialer Mobilität wuchs das Interesse am möglicherweise anders verlaufenen Lebensweg der einstigen Mitschüler. Und das Internet macht es möglich. Namentlich Trombi, die heute größte auf Klassentreffen spezialisierte Webseite Frankreichs hat in den letzten zehn Jahren viel zur Demokratisierung nachschulischer Kontaktpflege beigetragen.

Die Form der Feier ist nicht festgelegt, doch stehen verschiedenste Rituale zur Auswahl. Wer sich berufen fühlt, mag alte Lehrer imitieren oder eine Ansprache halten. Eine Runde, die Lust auf schwungvolle Stunden hat, organisiert vielleicht sogar einen Maskenball oder einen Tagesausflug. Gemeinsam ist den meisten Begegnungen von Ehemaligen, die keine Eliteschule besucht haben, dass der Karrierevergleich nicht im Vordergrund stehe, sagt Alexandra Rosina, die auf Trombi über Klassentreffen berichtet, und resümiert "Man will man selbst sein." Sie hat beobachtet, dass die soziale Anerkennung bei französischen Wiedersehensfeiern von etwas ganz anderem abhängt: "Erfolg ist, wenn man die Liebe seines Lebens gefunden hat. Und überhaupt sein Leben genießt." Savoir vivre - natürlich auch mit den alten Klassenkameraden.

zur Magazin-Hauptseite

 

szmtag