Der Alltag in Brasilien ist nicht zu vergleichen mit dem in Deutschland. Die Werte sind andere, das Klima wärmer, das Leben gemächlicher, die Menschen gelassener. Meine Familie und ich leben in der Kleinstadt Passo Fundo im Bundesstaat Rio Grande do Sul. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, Weihnachten im Hochsommer zu feiern und somit eben in T-Shirt, kurzen Hosen und mit einem kühlen Bier. Auch der Blick von meinem Arbeitszimmer auf die Obstbäume meines Gartens, auf Orange, Mandarine, Kaki, Araça, Winterpflaume, ist für mich inzwischen etwas ganz Selbstverständliches.
Als ich 1989 die Schule verließ, hatte ich noch keine Ahnung, dass es mich mal so weit von zu Hause weg verschlagen würde. Dann ging ich in eine Kochlehre, brach sie ab, und ging 1992 nach Südbrasilien, um für zwei Jahre in einem Armenkrankenhaus zu arbeiten. Nach einigen Monaten in Deutschland lernte ich 1995 in Passo Fundo meine Frau Indiara kennen und beschloss zu bleiben.
Ich spüre vor allem, dass das Leben in einem so völlig anderen Land wie Brasilien meine Erinnerungen an alte Zeiten schneller verblassen lässt. Bei meinen Besuchen in Deutschland kommt es mir so vor, als würde ich mich in Dresden-Trachau, meinem früheren Wohnviertel, durch ein völlig fremdes Gebiet bewegen. Wenn ich dann erfahre, dass meine ehemaligen Mitschüler und Bekannten zum Teil noch in der Nachbarschaft wohnen, merke ich, dass ich nicht mehr dazugehöre.
Meine beiden Kinder Daniel (13 Jahre) und Matthias (8 Jahre) und nicht zuletzt StayFriends erinnern mich dabei fast täglich an meine frühere Schulzeit in der 40. POS Edmund Fink. Das Portal, auf das ich vor ein paar Jahren eher zufällig im Internet aufmerksam geworden bin, ermöglicht mir eine gewisse Nähe zu einem Teil meiner früheren Mitschüler und weckt gemeinsame Erinnerungen, die ich hier leider mit niemandem teilen kann.
In Passo Fundo bin ich zum Wahl-Gaúcho geworden. Das Wort bezeichnet in Brasilien nicht unbedingt Viehzüchter sondern alle Einwohner unserer Provinz. Die Traditionen der Gaúchos werden besonders von der jungen Generation gepflegt, was ich schön finde. Meine beiden Söhne gehören einem der zahlreichen Traditionsvereine an und tragen zu Festen die typische Tracht - Kniebundhose, Lederstiefel, Poncho.
Die Leute hier haben noch Zeit füreinander und so sitzt man nach getaner Arbeit einfach vorm Haus, schwatzt und lässt dabei den traditionellen Chimarrão, den Mate Tee, kreisen. Die von den Indios stammende Erva Mate wird dabei in einer Kalebasse serviert und dann durch die Bomba, einen Metalltrinkhalm geschlürft. Dieses Gemeinschaftsgetränk wird reihum gereicht.
Als freischaffender Übersetzer und Privatlehrer kann ich zu Hause arbeiten und so aktiv an der Entwicklung meiner Kinder und deren Alltag teilhaben. Als Wahl-Gaúcho bereite ich natürlich auch hin und wieder ein zünftiges Churrasco zu, da kommen schon mal so vier bis fünf Kilogramm Fleisch auf den Spieß.
Blicke ich heute auf meine frühere Schulzeit zurück, dann sehe ich viele Dinge mit anderen Augen und wesentlich gelassener. Zu einigen früheren Lehrern, wie unserer ersten Klassenlehrerin Frau Werner und Herr Hartmann, dem Mathematiklehrer, hätte ich gern noch einmal Kontakt. Schön finde ich, dass mich bisher bereits vier ehemalige Schulfreunde aus der damaligen 40. und 56. POS in Passo Fundo besucht haben.
Sonnige Grüße aus Brasilien sendet
Christoph Leuschner