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Belgien - So nah, so fremd

Keine zwei Autostunden braucht Addy Dödner, um von ihrer neuen Heimat in die alte zu fahren. Und doch hat die gebürtige Aachnerin, als sie in den 70er Jahren nach Belgien heiratete, das Auswandern als Abenteuer erlebt und gestaunt, wie groß die kulturellen Unterschiede zwischen Belgiern und Deutschen sind. Heute ist sie gut integriert - auf beiden Seiten der Grenze.

Mit 17 Jahren habe ich einen feschen Belgier kennengelernt, der in Aachen seinen Wehrdienst ableistete. Ich bin in Aachen in Nordrhein-Westfalen geboren und mit vier Schwestern im nahen Eilendorf aufgewachsen. Im Dorf waren wir bekannt als das Fünf-Mädel-Haus. Mein neuer Freund kam jedes zweite Wochenende nach Eilendorf und ich pendelte das nächste Wochenende nach Edegem bei Antwerpen.

Seine Eltern waren genau so altmodisch wie meine. Anfang 1976 mieteten wir ein kleines, altes Häuschen in Edegem. Wasser kam noch aus der Pumpe, geheizt wurde mit dem Kohleofen. Es gab aber einen riesengroßen Garten. Wir bezahlten umgerechnet nur 100 D-Mark Miete und konnten es renovieren.

In Belgien kannte ich nichts und niemanden. Und auch die Sprache nicht, obwohl wir im Dreiländereck aufgewachsen sind. Nach dem Motto: "Flämisch - ist das eine Sprache?". Als ich 20 war, war unser Häuschen einzugsbereit. Im Mai 1977 haben wir in Eilendorf geheiratet und dann bin ich mit meinem Mann nach Edegem gezogen.

Ich freute mich auf die neue Welt, die sich mir öffnete. Mein Mann hatte einen großen Freundeskreis, denn er war bei den Pfadfindern. Die gibt es hier in Belgien massenhaft. Ich hatte davon noch nie gehört! Welterfahren war ich wirklich nicht. Wir waren mit unseren Eltern nur einmal im Kölner Zoo gewesen und zweimal in Pasewalk in der früheren DDR bei unserer Oma zu Besuch.

In Belgien war alles ganz anders. Zuerst bekam ich nicht den Nachnamen meines Mannes, sondern durfte meinen eigenen Nachnahmen behalten. Ich heiße also noch immer "Dödner". Meinem Vornamen Adelheid habe ich hier abgeschworen und ihn in "Addy" verwandelt, weil die Belgier ihn nicht aussprechen konnten. Es hörte sich an wie "Adalad". Fand ich schrecklich!

Belgier sind im Allgemeinen ein bisschen stur und nicht so herzlich wie ich das aus Deutschland kannte. Jeder seins! Fernsehen war auch kein Vergnügen für mich. Denn hier wird kaum ein Film synchronisiert. Durch die Untertitel lernt man Englisch.

Gleich im September 1977 meldete ich mich an der Hochschule in Antwerpen an, um Flämisch zu lernen. Wenn schon, denn schon. Ich wollte ja auch arbeiten und später meinen Kindern bei den Hausaufgaben beistehen können.

Knapp ein Jahr später eröffnete hier in Edegem ein größeres Bekleidungsgeschäft, wo ich als Verkäuferin - mit "Diplom"! - eingestellt wurde. Hier in Belgien gab es das nicht. Ich war also ein Unikum und das hatte auch so seine Vorteile. Mit der Sprache klappte es ganz gut. Die Grammatik ist, verglichen mit der deutschen, eigentlich ein Kinderspiel.

1980 wurde unser Sohn Stefan geboren und 1982 unsere Tochter Tamara. Ich habe dann fünf Jahre nicht gearbeitet weil ich bei den Kindern sein wollte. In den ersten Jahren sprach ich mit meinen Kindern deutsch, damit sie die deutsche Hälfte ihrer Familie verstehen. Wir fuhren regelmäßig in meine alte Heimat, um meine Geschwister zu besuchen, die inzwischen in verschiedenen Städten leben.

Als ich mich zehn Jahre später von meinem Mann getrennt habe, überlegte ich sogar, in die alte Heimat zurückzuziehen. Was ich aber nicht getan habe, weil ich meine Kinder nicht von ihrem Papa entfernen wollte.

Nun wohne schon seit 34 Jahren hier in Edegem. Ich lebe jetzt mit meinem Partner Luc zusammen, der auch zwei Söhne hat.

Im Beruf lief es gut. Nach fünf Jahren als Verkäuferin im Bekleidungsgeschäft arbeitete ich als Detektivin in Warenhäusern und Supermärkten, bekam Leitungspositionen und habe mich selbstständig gemacht. Inzwischen arbeite ich für den belgischen Staat. Seit die Kinder aus dem Haus sind haben wir viel Freizeit. Wir sind hier im Schützenverein, in einem Familienclub und in einem Sparkassenverein in unserer Stammkneipe.

Meine Passion ist das Flamenco tanzen. Ich tanze seit acht Jahren und bin Mitglied in der "Peña Al Andalus" hier in Antwerpen. Jedes Jahr besuchen wir verschiedene Fete, wo wir dann ausgelassen tanzen, Tapas essen und feiern. Jedes Jahr am letzten Wochenende im Mai organisieren wir selbst eine Feria, zu der aus allen Ecken Belgiens Spanier antanzen, um ein ganzes Wochenende zu feiern.

Zu meinen Geschwistern habe ich bis heute ein inniges Verhältnis. Und zum Karneval treffen sich fast alle Familienmitglieder in Eilendorf. Meine Schwester, die mit Ihrer Familie dort noch wohnt, ist im Karnevalsverein aktiv und wir sind da auch schon in bisschen mit integriert. Wir schauen uns dann den Karnevalszug an, sammeln Kamellen und feiern mit im "Treppchen" oder "Pümpchen". Dort treffe ich dann auch Bekannte von früher. Viel geredet wird dann zwar nicht, aber es macht Spaß!

Eigenartig finde ich immer noch, dass "wir Belgier" nach Deutschland fahren, um Kleider, Elektrogeräte, Kameras, CDs, usw. zu kaufen, weil die da vermeintlich billiger sind. Und von meinen Schwestern höre ich, dass sie nach Belgien fahren, um zu tanken und Kaffee zu kaufen, wie in alten Zeiten.

Jetzt vor Weihnachtenn steht der Aachener Weihnachtsmarkt auf dem Programm. Wir waren auch schon auf dem Monsachauer, dem Kölner, dem Düsseldorfer und letztes Jahr auf dem "Hexenagger" im Altmühltal. Den fand ich bis jetzt am Schönsten. Inzwischen werden die deutschen Weihnachtsmärkte in Belgien kopiert, aber die Gemütlichkeit kann man nicht kopieren.

Vielleicht könnte ja auch jemand nochmal ein Klassentreffen organisieren? Ich komme bestimmt!

Mit vielen lieben Grüßen aus Edegem

Addy Dödner

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